Verwendung von Cookies
Um unsere Webseite f√ľr Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu k√∂nnen, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Drucken

Die ersten Impfstoffe werden derzeit an Freiwilligen getestet. Hoffentlich erweist sich ein Impfstoff als geeignet und wirksam.

Bewältigung der Corona-Pandemie im Vollzug erfordert weitere Anstrengungen

Obwohl der Mangel an Schutzkleidung und Masken in den nordrhein-westfälischen Vollzugseinrichtungen zwischenzeitlich behoben scheint, ist die Testfrequenz immer noch unzureichend. Trotz dieser zu Beginn der Pandemie beklagenswerten Situation, ist der Vollzug bislang gut durch die Zeit der Krise gekommen, dies muss man fraglos zugestehen. Dieser positive Trend muss jedoch nicht von Dauer sein.

Der Vollzug w√§re deshalb gut beraten, jetzt ein Konzept zu entwickeln, wie der Vollzug unter den Bedingungen des SARS-CoV-2-Virus m√∂glichst risikolos gestaltet werden kann. Das Unterbinden der Sozialkontakte der Inhaftierten war eine wirksame Sofortma√ünahme, kann aber f√ľr einen langen Zeitraum nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft gespalten, die Stimmung ist gereizter, der Umgang miteinander ist unleidlicher geworden. Rechthaberei √ľberall, wohin man auch schaut. Offenbar k√∂nnen die Leute mit klaren Ansagen umgehen, sind jedoch v√∂llig verunsichert, wenn Regelungen komplex und situationsangemessen ausgestaltet werden. Dabei ist das Infektionsgeschehen in den einzelnen Regionen des Landes sehr unterschiedlich und es ist mehr als verst√§ndlich, dass die geltenden Schutzvorschriften dies ber√ľcksichtigen.

Die Spaltung der Gesellschaft behindert die Krisenbewältigung

Vielen Mitb√ľrgerinnen und Mitb√ľrgern scheint diese Situation und das Erfordernis, Selbstdisziplin √ľben zu m√ľssen, nicht sonderlich zu behagen. Wie sonst ist es zu verstehen, dass der Umstand, es k√∂nne so etwas wie Fakten oder wissenschaftliche Erkenntnisse geben, von vielen als gigantisches T√§uschungsman√∂ver angesehen wird.

Als Gesellschaft laufen wir Gefahr, die Segregation so weit zu treiben, dass ein einheitlicher Wille zum √úberwinden der Krise nicht mehr erkennbar ist. Wenn aber jeder als Teil einer gesellschaftlichen Teilmenge individuelle Interessen vertritt und diese auch durchsetzen m√∂chte, dann wird es schwierig, als Gesellschaft mit Belastungssituationen angemessen umzugehen. Denn eines d√ľrfte klar sein: Je gr√∂√üer der Zusammenhalt, desto h√∂her ist die Aussicht, krisenhafte Entwicklungen ohne allzu gro√üe Sch√§den zu √ľberstehen.

Werden wir noch einmal neidisch nach Schweden blicken?  

Dabei gibt es nicht die eine Wahrheit, wie mit der Pandemie umzugehen ist. Unsere n√∂rdlichen Nachbarn in Schweden haben auf einen Lockdown verzichtet. Sie wurden daf√ľr bel√§chelt und mit H√§me √ľberzogen. Jetzt aber zeigt sich, dass die Infektionen auch in Schweden zur√ľckgehen, kaum noch schwere Verl√§ufe zu beobachten sind und seit Anfang Juli kein Todesfall mehr zu beklagen ist. Daneben ist ein betr√§chtlicher Teil der Schweden immunisiert, so dass erwartet werden darf, dass sich die Ansteckungsrisiken verringern. Eine zweite Welle, von der bei uns gesprochen wird, scheint in Schweden kein Thema zu sein.

Das Beispiel zeigt einmal mehr: Viele Wege f√ľhren nach Rom. Schweden hatte zu Beginn der Pandemie zwar eine √ľberproportional hohe Sterbequote zu beklagen, daf√ľr konnten wirtschaftliche Verwerfungen, unter denen Deutschland leidet und noch leiden wird, allerdings vermieden werden.

So wie sich die einzelnen L√§nder unter Beachtung ihrer spezifischen Priorit√§ten zu der Pandemie verhalten, ist es jetzt an der Zeit, dass der Vollzug seinerseits ein zukunftsf√§higes Konzept aufstellt, damit er zu einer neuen Normalit√§t zur√ľckfinden kann.

Der NRW-Strafvollzug war bei der Bekämpfung der Pandemie erfolgreich

Das bislang Erreichte sollte nicht riskiert werden. Die Sozialkontakte der Gefangenen werden nach und nach wieder zugelassen. Dies ist richtig, erhöht allerdings das Ansteckungsrisiko. Da diese Maßnahme von zunehmenden Infektionen außerhalb des Vollzuges flankiert wird, sind innerhalb der Einrichtungen die Risiken möglichst zu minimieren.

Im Vergleich mit anderen Bundesl√§ndern ist Nordrhein-Westfalen bislang sehr erfolgreich. Nordrhein-Westfalen verf√ľgt bundesweit √ľber die gr√∂√üte Gefangenenpopulation und den gr√∂√üten Personalk√∂rper. Trotzdem hatten sich in NRW bis Anfang August nur 11 Gefangene und 35 Bedienstete infiziert. Lediglich 46 Infektionen sind im Vergleich mit Bayern (55 Infektionen) und Baden-W√ľrttemberg (62 Infektionen), die √ľber deutlich kleinere Vollzugsbereiche verf√ľgen, ein geradezu sensationeller Wert.

Jetzt gilt es: Corona-Infektionen auch k√ľnftig verl√§sslich zu vermeiden

Nach Einsch√§tzung des BSBD sind jetzt zus√§tzliche Anstrengungen erforderlich, um das Erreichte nicht zu gef√§hrden. Die Infektionszahlen au√üerhalb des Vollzuges steigen. Die Virologen schlie√üen eine zweite Welle der Pandemie nicht aus und zudem steht die Grippesaison vor der T√ľr.

Um diese absehbaren Risiken zu beherrschen, empfiehlt der BSBD, Grippeschutzimpfungen in allen Vollzugseinrichtungen f√ľr die Inhaftierten, aber auch f√ľr Kolleginnen und Kollegen anzubieten, damit sich die Infektionsrisiken nicht √ľberlagern, was die Symptomerkennung schwierig machen w√ľrde.

Daneben sollten die Kolleginnen und Kollegen periodisch auf das SARS-CoV-2-Virus getestet werden, damit Infektionen schnell erkannt und die Betroffenen isoliert werden k√∂nnen. Das nochmalige Kappen der Sozialkontakte der Inhaftierten sollte hingegen m√∂glichst vermieden werden, weil dem Zusammenhalt von Lebensgemeinschaften f√ľr die Wiedereingliederung von Delinquenten besondere Bedeutung zukommt. Dies ist auch deshalb so wichtig, weil die Beziehungen, die Gefangene haben, oftmals sehr zerbrechlich sind. Sie bed√ľrfen der Stabilisierung durch regelm√§√üige pers√∂nliche Kontakte, damit sie die erhoffte st√ľtzende Funktion nach der Entlassung des Gefangenen √ľbernehmen k√∂nnen.

Wenn wir die kommende Phase auch noch positiv gestalten k√∂nnen, besteht eine gute Chance, die Zeit bis zur Verf√ľgbarkeit eines wirksamen Impfstoffes ohne ein gro√ües Infektionsgeschehen zu √ľberbr√ľcken. Wir sollten alles unternehmen, damit diese positive Perspektive Realit√§t werden kann.

Friedhelm Sanker

Foto im Beitrag © microgen / stock.adobe.com